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Kleines Wohnen: Architektin Paola Bagna im Interview

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Bedeutet weniger Wohnraum automatisch weniger Lebensqualität? Und ist kleines Wohnen nur ein Trend, der vergeht? Im Gespräch mit der 36 Jahre alten Architektin Paola Bagna erfahre ich, wie sie die moderne Art zu wohnen und unser Konsumverhalten bewertet.

Interview: Laura Geißler, Fotos Berliner Wohnung: Ringo Paulush

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Eines von Paolas Projekten: eine Mini-Wohnung in Berlin.

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Natürliche Fronten & weiße Fliesen geben eine klare Linie vor.

Seit wann und wo arbeitest du als Architektin?

Seit ungefähr zehn Jahren. In dieser Zeit habe ich in Barcelona, London, Berlin, Paris und Abidjan (an der Elfenbeinküste) gelebt und gearbeitet.

Paola Bagna: Architektin

Paola Bagna

Und warum bist du Architektin geworden?

Ich bin in einem ziemlich seltsamen katalanischen Dorf aufgewachsen: Empuriabrava. Fasziniert von dessen Konstruktionen, war ich zwischen einem Grafikdesign- und Physikstudium unentschlossen. Ganz naiv dachte ich, Architektur wäre ein guter Kompromiss: ein bisschen Kunst und ein bisschen Technik. Nach ein paar Jahren an der Universität habe ich erkannt, dass ein unkontrolliert gebautes Gebäude katastrophale Folgen mit sich bringen kann (in Spanien gibt es viele unglückliche Beispiele). Deshalb ziehe ich es vor, an Projekten zu arbeiten, die bestehende Räume verwandeln, Details große Aufmerksamkeit schenken und bei denen Materialien so gut wie möglich wiederverwendet werden.

Wie beschreibst du deine Art der Arbeit in drei Worten?

Meine Arbeit ist einfach, verantwortungsbewusst und hat einen freundlichen Ansatz durch Details und Materialien.

Was sind deine größten Herausforderungen bei einem neuen Projekt?

Die Budgets der Auftraggeber und die Umwelt. Nach zwei Jahren im Job an der Elfenbeinküste habe ich erkannt, dass einige Entwürfe nicht geeignet sind, in bestimmten Kontexten gebaut zu werden – da Technik und Fertigkeiten stark variieren. Die größte Herausforderung und die meiste Erfüllung (wenn es funktioniert) ist, einen Auftraggeber zufrieden zu stellen, weil sich sein Leben durch die eigenen Kompetenzen verbessert hat.

Hast du Vorbilder, was Architektur und Einrichtung betreffen?

Portugiesische und katalanische Architektur haben hervorragende Bauten, die ein Mix aus moderner Architektur und traditioneller Techniken wie auch Materialien darstellen. Ich schätze z.B. die Arbeit von Souto de Moura und Antonio Bonet – sie sind klasse! Zudem bewundere ich die japanische Innenarchitektur und einige Ikonen wie Mies Van der Rohe, aber auch junge Architekturpraktiken wie die von Arquitectura G.!

Wie beurteilst du den Trend Kleines Wohnen und die damit entstandenen Micro-Apartments?

Die Preise der Immobilien in Europa steigen, die Städte werden dichter. Parallel wird das temporäre Leben für Arbeit oder Studium mit Pendeln usw. immer üblicher. Kleinere Wohnungen sind die Konsequenz daraus – es ist also eher ein Bedürfnis als ein Trend.

In welchem Zusammenhang dazu steht multifunktionales Design?

Multifunktionales Design ist eine Antwort auf kleinere Räume. Wenn man etwas für mehr als einen Zweck nutzen kann, kann dies dazu beitragen, räumliche Ressourcen zu optimieren (z.B. ist ein Regal gleichzeitig eine Treppe oder ein Tisch kann für Studium und Arbeit verwendet werden – oder ein Bett kann auch ein Sofa mit Stauraum darunter sein). Ich selbst beurteile diesen neuen Ansatz als positiv; was bedeutet, dass Designer, Architekten sowie Verbraucher damit arbeiten, neue Designs erschaffen und dem Leben neue Paradigmen schenken.

Was waren deine bisher „kleinsten” Projekte?

Die kleinsten Wohnungen sind ein autarkes 15-Quadratmeter-Schlafzimmer in Tübingen und eine 21-Quadratmeter-Wohnung in Berlin. Hier Vorher-Nachher-Bilder der Berliner Wohnung:

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Verstecktes Potential: So sah die Berliner Wohnung vor dem Umbau aus.

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Das Badezimmer: praktisch, aber mit apartem Fliesenspiegel.

Was glaubst du, ist die größte Herausforderung beim kleinen Wohnen?

Weniger Raum könnte eine Reduzierung materieller Dinge bedeuten und/oder dazu führen, dass wir grundlegend Besitzanhäufungen vermeiden. Das kann eine Veränderung der Denkweise mit sich bringen, die man diesem aggressiven Konsumverhalten entgegensetzen kann. Dieses sagt uns nämlich ständig: Waren und Dienstleistungen in immer größerer Menge erwerben!

Und warum vereinfacht weniger Raum unser Leben?

Die japanische Architektur ist seit Jahren ein großer Hinweis darauf: Kleine Räume, die nicht überfüllt oder klaustrophobisch sind, wurden in Städten wie Tokio entworfen. Dort ist die Bevölkerung groß und die Grundstücke für Häuser werden kleiner und kleiner. Diese Reduktion auf die Basics ist also nicht banal! Es wird immer wichtiger, wobei es definitiv herausfordernd sein kann. Für mich bedeuten weniger Dinge gleich mehr Gelassenheit und Praktikabilität. Das erleichtert uns städtischen Nomadismus (Ungebundenheit) und ein Leben auf kleinem Raum.

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Vor dem Umbau: Mit viel Herzblut gelang Paola eine Verwandlung.

kleines Wohnen

3 in 1: Schrank, Spiegel & gleichzeitig Treppe.

Hat eine größere Wohnung einen größeren Wert als eine kleine?

Ich denke, eine größere Wohnung hat einen anderen preislichen Wert auf dem Markt, aber das bedeutet nicht gleich eine bessere Lebensqualität. Kleines Wohnen mit schön gestalteten Räumen kann gemütlicher sein, an unsere Bedürfnisse angepasst werden und ist kostengünstiger.

Ihr möchtet mehr erfahren? Die Webseite von Paola Bagna findet ihr hier.

 

Wenn ihr sehen wollt, wie ein Wohntraum in Miniaturausgabe aussieht, dann schaut hier vorbei! Sarah hat ein Paar aus Kalifornien befragt, wie es sich auf 39 Quadratmetern lebt und warum die beiden sich dafür entschieden haben.

Laura Geissler

Laura Geissler

Bewusstes Wohnen ist für mich ein Ausdruck von Individualität und Freiheit. Das funktioniert gerade in kleinen Wohnungen ganz gut – nach dem Motto: Was brauche ich wirklich und wo setze ich Akzente, die meinen Lebensstil widerspiegeln?
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Bewusstes Wohnen ist für mich ein Ausdruck von Individualität und Freiheit. Das funktioniert gerade in kleinen Wohnungen ganz gut – nach dem Motto: Was brauche ich wirklich und wo setze ich Akzente, die meinen Lebensstil widerspiegeln?

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